Der Blog zu Fairer Mode, Green Fashion & den Schattenseiten der Textilindustrie

Blog: Faire Mode, Green Fashion & Schattenseiten der Textilindustrie


Auf hoher See – Bericht zum 2. Netzwerktreffen Nachhaltiger Konsum

Um es gleich vorab zu sagen: Bei dem Netzwerktreffen wurde viel diskutiert, ich habe spannende Leute kennengelernt und erfahren, dass zu Berliner Buffets im Landwirtschaftsministerium mittlerweile Pappschachteln bereit gestellt werden, um die Reste mit nach Hause zu nehmen. Klar wurde mir aber auch: Wir sind noch weit von den Leuchttürmen für nachhaltigen Konsum entfernt.

Um im Bilde zu bleiben: Wir befinden uns noch mitten auf hoher See.

 

Am 12.12. 2017 trafen sich im Bundeslandwirtschaftministerium in Berlin zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden, Ministerien, Firmen und interessierte Bürgerinnen und Bürger, um über die Weiterentwicklung des nachhaltigen Konsums in Deutschland zu diskutieren. Fairkleidet war wie versprochen dabei und ich möchte Euch einen kurzen Bericht zu meinen persönlichen Eindrücken des Treffens geben.

Zur Info: Das Nationale Programm für nachhaltigen Konsum wurde von der Bundesregierung initiiert, um die Konsummuster so zu verändern, dass sie in einer begrenzten Welt an unsere ökologischen und ökonomischen Grenzen angepasst sind.

Was wird bisher unter Nachhaltigem Konsum verstanden?

Konsum ist dann nachhaltig, „wenn er zur Bedürfnisbefriedigung aller heute lebenden Menschen führt und die Bedürfnisbefriedigungsmöglichkeiten zukünftiger Generationen nicht gefährdet“ (Hansen/Schrader 2001, 22). Sprich: es ist eine wichtige intergenerationelle Sache: Wir sollten alle nicht über unsere (ökologischen und wirtschaftlichen) Verhältnisse leben. Die Konsumfreiheit soll aber nicht eingeschränkt werden, so die gängige Meinung. Natürlich spielt auch die Frage nach einer „Kultur des Genug“ eine wichtige Rolle. Der Konsument wägt auch soziale und ökologische Fragen ab und strebt nicht immer nur nach „Mehr“. Über die individuellen Fragen des Konsum hinaus steht aber auch eine wichtige Frage im Zentrum, die noch viel, viel stärker betrachtet werden muss, nämlich die Tatsache, dass zur Verwirklichung nachhaltigen Konsums „auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen [gehören, E.J.], die es den Menschen ermöglichen, diesem Bewusstsein gemäß zu handeln“ (UBA 2001, 76).

Vom Leitbild in die Praxis

Bis jetzt ist das Konzept des nachhaltigen Konsums fast nur ein Leitbild, dass sich aus den Nachhaltigkeitsdiskussionen seit der Rio-Deklaration 1992 entwickelt hat. Um dieses Leitbild auszugestalten und in die Praxis zu führen, gibt es also nun den Prozess um das Nationale Programm für nachhaltigen Konsum.

Es ist sehr erfreulich, dass sich bisher drei Bundesministerien in der Umsetzung und in der Prozessgestaltung dieses Programms einbringen (Umwelt, Landwirtschaft und Verbraucherschutz/Justiz). Interministerielle Zusammenarbeit mit verschiedenen Kulturen und Zielen ist sicherlich nicht einfach und  verlangt den unterschiedlichen Akeuren sicherlich einiges ab.

Das Programm selbst umfasst sechs Bedürfnisfelder:

  • Bekleidung
  • Mobilität
  • Ernährung
  • Wohnen & Haushalt
  • Arbeiten & Büro
  • Freizeit & Tourismus

In diesen einzelnen Sektoren existieren schon einige Ansätze, dass wir als Verbraucherinnen und Verbraucher heute schon die Möglichkeit haben, nachhaltig zu konsumieren. Es gibt diverse Nachhaltigkeitssiegel, die Orientierung ermöglichen und viele, viele Initiativen und Massnahmen. Aber insgesamt ist der Anteil von nachhaltigem Konsum am Konsum aller Bürgerinnen und Bürger noch recht gering.

Und nun?

Konkretes gibt es noch nicht viel, so war mein Eindruck des Treffens. Viele der Diskussionen empfand ich als nicht zielführend, sie waren zu wenig zugespitzt und prozess- statt ergebnisorientiert. Vielleicht hat diese Unverbindlichkeit des Treffens damit zu tun, dass es noch keine Regierung im Dezember gab oder einfach aber auch, dass der Prozess der politischen Programmgestaltung noch arg am Anfang ist. Es war ja auch erst das 2. Netzwerktreffen und vielleicht hatte ich zu hohe Erwartungen.

Immerhin: Die politische Absicht all diese Bedürfnisfelder aktiver zu gestalten, so dass es zukünftig mehr nachhaltigen Konsum gibt, ist vorhanden. Auch in der neuen Bundesregierung, so steht es zumindest im Entwurf des Koalitionsvertrages von CDU,CSU und SPD auf Seite 137 (CDU/CSU, SPD 2018, 137). Es sind gute Absichten, die aber noch einen sehr langen politischen Weg gehen müssen, um in die Praxis zu münden.

Es muss ja klar sein, dass mit einer Konsumtransformation auch eine Transformation der Wirtschaft einhergeht. Angebot und Nachfrageseite müssen gestärkt werden, hierzu sollte aber auch das Bundesministerium für Wirtschaft in den Prozess eingebunden werden, damit die Massnahmen des Programms auch in diesen Feldern unseres politischen Systems durchgreifen können. Ich glaube viele Unternehmen haben erkannt, dass sie nicht in die Zeit der Maßlosigkeit zurückkehren können. Je eher sie verstehen, dass die Zukunft im Konsum nur nachhaltig geht, desto eher erkennen sie Marktchanchen und müssen sie nicht wieder verschlafen.

 

 

Literatur:

CDU/CSU, SPD (2018): Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land, Entwurf des Koaltionsvertrages vom 7. Februar 2018, abgerufen unter http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/koalitionsvertrag-zum-download-koalitionsvertrag-zum-download/20936422.html, am 8.3.2018.

 

Ulf Schrader/Ursula Hansen, Nachhaltiger Konsum, in: UmweltWirtschaftsForum (UWF), 10 (2002) 4, S. 12 – 17.

Umweltbundesamt, Aktiv für die Zukunft – Wege zum nachhaltigen Konsum. Tutzinger Erklärung, Berlin 2001.