Der Blog zu Fairer Mode, Green Fashion & den Schattenseiten der Textilindustrie

Blog: Faire Mode, Green Fashion & Schattenseiten der Textilindustrie


Fairkleidet gratuliert den Preisträgern der „Spitzen Nadel 2017“

Mode lebt von der ständigen Kraft der Veränderung und Erneuerung. Hierfür braucht es Tatkraft, Innovation und Mut für neue Looks und neues Design. Diese Eigenschaften sind aber auch unerlässlich, für alle, die sich für einen ökosozialen Wandel in der Modeindustrie einsetzen.

Um dies zu honorieren und gute Praxisbeispiele öffentlich zu machen, haben das INKOTA-netzwerk e.V. und die Cum Ratione gGmbH aus Paderborn den Preis der „Spitzen Nadel“ ins Leben gerufen. Mit diesem Preis sollen Aktive gewürdigt werden, die schlagkräftige und öffentlichkeitswirksame Aktionen durchführen, die auf die Missstände in der Textilindustrie aufmerksam machen. Die „Spitze Nadel 2017“ ist mit 10.000 Euro Preisgeld dotiert.

In einer feierlichen Veranstaltung, die am Rande der Messen „Greenshowroom“ und „Ethical Fashion Show“ während der „Berlin Fashion Week“ am 04. Juli 2017 stattfand, wurden zwei Preisträger ausgezeichnet. Ausgewählt wurden diese durch eine Jury, bestehend aus Personen des öffentlichen und politischen Lebens, zum Beispiel durch Bärbel Höhn, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen und ehemalige Umweltministerin in NRW und dem leitenden Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Franz Kotteder.

Und die Auswahl kann sich sehen lassen: Ausgezeichnet wurden der Gesamtbetriebsrat von „H&M“ in der Kategorie „Politische Schlagkraft“ sowie die Weltläden der Region Iller-Lech in der Kategorie „Breitenwirkung“.

Im November 2016 war es in Bangladesch im Zusammenhang mit turnusmäßigen Gehaltsverhandlungen zwischen Textilunternehmen, Gewerkschaften und Arbeitervertretungen zu massenhaften Entlassungen und Fabrikschliessungen gekommen. In Ashulia wurden 85 Fabriken geschlossen, die Arbeitenden entlassen und aktive Gewerkschafter, die sich für mehr Gehalt ausgesprochen hatten, inhaftiert. Als Reaktion auf die Verhaftung von Arbeiterinnen und Arbeitern in Bangladesch hat die Arbeitnehmervertretung von „H&M“ in Deutschland eine Resolution veröffentlicht, weil unter den betroffenen Fabriken auch 8 Zulieferer von „H&M“ waren. In dieser forderten sie die Freilassung und Wiedereinstellung der Arbeitenden, die sich mit Protest zur Wehr gesetzt hatten. „Die internationale Gewerkschaft IndustriaALL und der bangladeschische Arbeitgeberverband unterzeichneten eine Übereinkunft, damit alle Arbeiter wieder eingestellt werden. Viele sind jedoch noch immer ausgesperrt und es existieren „schwarze Listen“ unliebsamer Arbeiter.“, berichtet das Inkota-netzwerk e.V. in seiner Pressemitteilung zum Preis über die Wirkung der Resolution. Die Resolution kann hier nachgelesen werden.

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Foto: David Gense, Cum Ratione gGmbh

Das Vorgehen des Gesamtbetriebsrates von H&M ist ein mutiger Einsatz, der absolute Vorbildfunktion hat. Wir wünschen uns, dass sich noch mehr Arbeitnehmervertretungen großer Modekonzerne trauen, aufzustehen und sich für Menschenrechte bei der Produktion der von ihnen verkauften Textilien stark zu machen. Der Einsatz zeigt, dass es sich lohnt, gegen die Missstände in der Textilindustrie vorzugehen“, erläutert Kerstin Haarmann von der gemeinnützigen Gesellschaft cum ratione aus Paderborn, die den Preis gemeinsam mit Berndt Hinzmann vom Inkota-netzwerk e.V. initiiert hat.

Die „Spitze Nadel 2017“ in der Kategorie „Breitenwirkung“ erhielten die Weltläden der Region Iller-Lech für ihre Aktion „XXXL – Wir tragen fair“. In einem Zusammenschluss haben sich 30 Weltläden aus den 15 Gemeinden der Region Iller und Lech verbunden, um mit ihren Aktionen eine größere Reichweite zu erzielen und um Synergieeffekte zu erschliessen. Mittels eines Sternmarsches bei dem sie riesige, überdimensionierte Kleidungsstücke wie Fahnen mit sich trugen und nachher in der Stadt zur Schau stellten, machten Demonstranten am „Fashion-Revolution-Day“ im April auf die problematischen sozialen und ökologischen Produktionsbedingungen in der konventionellen Textilindustrie aufmerksam. Auf den Etiketten sind Geschichten von Menschen abgedruckt, die sich so oder ähnlich täglich in der Kleiderproduktion abspielen: Sie erzählen von arbeitenden Kindern, von mit Pestiziden vergifteten Vätern und unterbezahlten Müttern. Wie zum Beispiel diese: „Ich heiße Behnly. Ich habe dieses T-Shirt genäht. Ich bin neun Jahre alt. Ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr auf. Es ist dunkel, wenn ich in der Fabrik ankomme. Ich arbeite 13 Stunden. Es ist dunkel, wenn ich wieder nach Hause gehe. Ich verdiene weniger als einen Euro am Tag.“

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Foto: David Gense, Cum Ratione gGmbh

Der „Spitzen Nadel“ gelingt es Transparenz und Öffentlichkeit zu erzeugen, für ein wichtiges Thema: Aktionen für mehr Gerechtigkeit und Solidarität in der Modeindustrie. Es bleibt zu wünschen, dass die Medienresonanz für diesen wichtigen Preis zukünftig noch stärker wird. Und das sich hierdurch mehr Menschen vom Engagement der Preisträger inspirieren lassen und ihren Beispielen folgen.

Fairkleidet freut sich über die guten Nachrichten und wünscht sich mehr davon! Wir gratulieren nochmal ganz herzlich den Preisträgerinnen und Preisträgern der „Spitzen Nadel 2017“! Und natürlich schicken wir ein „Danke!“ für das Engagement der Cum Ratione gGmbh und das Inkota-Netzwerk e.V. für die Initiierung und Vergabe der „Spitzen Nadel“.

 

Puh, das war ein langer Artikel! Danke Euch fürs Lesen, sagt

Eure Elke

 

Quellen:

PM Inkota-netzwerk e.V.: http://www.inkota.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung-starke-aktionen-fuer-faire-kleidung-ausgezeichnet/, abgerufen am 20.07.2017

PM Cum Ratione gGmbH: http://www.cum-ratione.org/paderborner-gesellschaft-zeichnet-starke-bundesweite-aktionen-fuer-faire-kleidung-aus-die-spitze-nadel-2017-geht-an-den-hm-gesamtbetriebsrat-und-30-weltlaeden-der-region-iller-lech/#more-644, abgerufen am 20.07.2017

Resolution: https://handel-bawue.verdi.de/++file++589875114f5e9235143b5a73/download/Miteilung%20GBR.pdf, abgerufen am 20.07. 2017

Artikel „Kundgebung: Iller-Lech trägt fair“, von Elisabeth Brock in: „Kreisbote“, vom 6. Mai 2017 https://www.kreisbote.de/lokales/kempten/weltlaeden-rufen-moderevolution-8254348.html, abgerufen am 20.07.2017.

Fotos von David Gense, cum ratione gGmbH


600 erkrankte Arbeiter und Massenhysterie

Erstaunlich, dass sich Anfang Juni in Bangladesch eine massenhafte Erkrankungswelle von FabrikarbeiterInnen ereignete. Bis zu 600 Menschen wurden so krank, dass sie in verschiedenen Krankenhäusern behandelt werden mussten.  Als Ursache für ihre Übelkeit wurde das Wasser der Fabrik der Firma Starlight Sweaters angesehen, das verschmutzt oder – so der von Gewerkschaftsseite geäußerte Verdacht – absichtlich mit Pestiziden verseucht worden war.

Erstaunlicher noch, dass diese AFP-Meldung (Agence France Press, Quelle hier) von deutschen professionellen Medien und Blogs relativ unbeachtet blieb. Man könnte fast vermuten, dass das Thema Bangladesch nicht schon wieder in die Medien sollte, war doch die deutsche Öffentlichkeit gerade beruhigt, aufgrund der Versprechen der westlichen Textilindustrie, alles werde besser, die aufgrund des öffentlichen Drucks nach dem katastrophalen Einsturz des Rana Plaza, gemacht wurden.

Behörden in Bangladesch: Keine Pestizide im Trinkwasser – nein: Massenhysterie

Noch erstaunlicher ist die Auflösung des Dramas, die von behördlicher Seite aus gemeldet wurde und nun über die Ticker der (ausländischen) Presse liefen.  Das Wasser sei vollkommen in Ordnung gewesen heißt es, vielmehr wären die Menschen dem Phänomen der Massenhysterie verfallen.

Massenhysterie? Was ist das denn?

Erbrechen und Übelkeit können offenbar auch psychologisch ansteckend sein, so die Erklärung. Dieses Phänomen wird als psychische Reaktion auf die Katastrophe im April gewertet. Himmel, wie verunsichert müssen die Menschen sein, wenn es tatsächlich so ist. Mit wieviel Angst geht jemand zur Arbeit, wenn er davon das Kotzen kriegt? Übrigens gab es vor vier Tagen einen erneuten Fall dieser Art, bei dem 450 Arbeiterinnen und Arbeiter betroffen waren.

Ich glaub, mir wird übel.


Ist billig einkaufen unethisch?

In einem kleinen Artikel zieht die FAZ in ihrem Wirtschaftsteil den „westlichen Wohlstandsbürger“ durch den Kakao, der es unethisch findet, Billigklamotten zu kaufen.

Nach dem verheerenden Großbrand in einer Textilfabrik in Dhaka analysiert die FAZ,

  1. auch teure Markenprodukte bieten keinen Schutz gegen Ausbeutung,
  2. der boomende Textilmarkt in Bangladesch ist für das bitterarme Land doch wichtig und
  3. erst dadurch sind bestimmte Geschäftsmodelle westlicher Großunternehmen (H&M etc.) erst möglich.

Da ist der Herr Journlist aber zu kurz gesprungen!!! Denn NATÜRLICH ist es wichtig, dies alles unter ethischen Gesichtspunkten zu betrachten! Und das hat auch nicht mit einem zu einfachen Weltbild zu tun, wie er es unverschämter Weise dem „Wohlstandsbürger“ unterstellt.

  1. Unethisch ist es, billig zu kaufen, wenn man es nur aus Vergnügen am eigenen Geiz tut und weiß, was in der Textilkette an Verletzungen im Bereich Menschenrechte & Sozialstandards abgeht!
  2. Unethisch handeln Großunternehmen, wenn sie ihre Lieferkette nicht wasserdicht machen (bei Qualitätsstandards schaffen sie es ja auch, genauer hinzusehen)!
  3. Unethisch ist ein Wirtschaftsystem, dass Geschäftsmodelle, die auf Ausbeutung basieren, zulässt!

Lasst Euch also von der FAZ nicht in die Deppenecke stellen!

Der Boom in Bangladesch geht auf knochenharte Arbeit von Näherinnen zurück, die für einen Hungerlohn arbeiten. Da kauf ich doch lieber 1 GOTS (Global organic textile standard) zertifiziertes T-Shirt, statt 2-3 Billigdinger, die nach dem ersten Waschen aussehen wie Mangold, weil die Chemie rausgewaschen ist, die man draufmacht, damit die Dinger im Laden gut aussehen!